Ausbruch aus der Moderne
Nahe Wien Mitte stehen einige Großbauten der öffentlichen Verwaltung. Neben einem großen Bürohaus aus den 1970ern, das um 2010 komplett umgebaut wurde, auch das in den 1980ern erbaute Oktoneum, auch „Staatsbürgerhaus“ und „Neun-Länder-Haus“ genannt. Das Gebäude beherbergt das Infrastrukturministerium, das Büro des Vizekanzlers und weitere Abteilungen.
Das Amtshaus, das prominent an der Einmündung vom Wienfluss in den Donaukanal liegt, hätte ursprünglich anders aussehen sollen. Seine charakteristische Architektur ist das Ergebnis einer Umplanung und zeigt die Auseinandersetzung des Architekten mit dem umgebenden Stadtraum und seiner Geschichte. Damit erfolgte eine Abkehr von der bis dahin gängigen Praxis, repräsentative Gebäude mit durchgehenden Glasfassaden zu umhüllen. Architekt Peter Czernin (1932—2016):
In einer Zeit nach der ‚Moderne‘ sollen Stadtstrukturen wieder hierarchische Ordnungen erhalten, Raumgrenzen gestaltete Formen haben und Gebäude, besonders öffentliche, in enger Wechselbeziehung zur bildenden Kunst stehen. [1]
Architekt Peter Czernin …
… konzipierte auf dem annähernd quadratischen Grundstück ein Gebäude, das oberirdisch drei achteckige, unterschiedlich hoch aufragende Bürotürme mit ihren großen, offenen Innenhöfen miteinander verschränkt und anstelle eines vierten Büroturms im Südwesten eine gestaltete Freifläche auf dem Baufeld unterbringt. (…) Im Stadtraum erscheint das Bundesamtsgebäude als monumentaler Baukörper, dessen geschlossene Außenerscheinung durch die in den Ecken des Grundstücks und in den Fugen zwischen den Türmen platzierten Erschließungstürme (Treppen und Liftanlagen) gegliedert wird. [1]
Auf den Türmen finden sich die Wappen der neun Bundesländer.
In der Postmoderne ging es …
… um die Vielfalt der Ausdrucksformen und das Experiment. Man interessierte sich für die historischen und die örtlichen Bezüge der Architektur, blieb gegenüber Alleinvertretungsansprüchen ironisch distanziert und freute sich über die unendlichen Möglichkeiten der Dekoration. [1]
Die teils mit Klinker verkleideten Türme erinnern an einen anderen Großbau am Donaukanal – die im 19. Jahrhundert erbaute Rossauer-Kaserne. Sie schließen mit riesigen Kapitellen ab und werden so zu Säulen, die nichts stützen.
Die grüne Färbung der flächigen Fassadenteile erinnert an die Uferbebauung des Donaukanals und Wienflusses. Mehrfarbig bedruckte Scheiben auf der Parapetzone lockern die Fassade auf. Der betonte Abschluss lässt an die markant hervorstehenden Gesimse in der Zeit von Otto Wagner denken, ebenso die Geländer.
Die Sockelzone soll offensichtlich an die Architektur der Ringstraße anknüpfen, wo hohe Sockel samt Säulen oder Pilastern als Fassadengliederung dienen.
Die charakteristische Formensprache zieht sich über alle außen sichtbaren Gebäudeteile.
Denkmalschutz & Kritik
2024 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, womit die einzigartige Fassadengestaltung und die Ausgestaltung der Innenräume für die Zukunft erhalten bleiben. So wird auch verhindert, dass es im Rahmen einer Sanierung zu einer Veränderung in Richtung einer „Bürohaus-Einheitsarchitektur“ kommt – also die Ersetzung der Bestandsfassade durch eine durchgehende Glasfassade. Am Tag des Denkmals 2025 wurde in einer Führung erläutert, dass die bestehende Fassade aus den 1980ern von hoher Qualität ist und modernen technischen Ansprüchen genügt.
Das Unverständnis über die Unterschutzstellung ließ nicht lange auf sich warten, zumal das Gebäude seit langem umstritten ist:
Kritiker bezeichneten die Mischung aus Klinker, Stahlbeton und Metall durchaus als kitschig. Bemängelt wurde auch die mangelnde Ausrichtung des Gebäudes. Stararchitekt Boris Podrecca etwa sagte 1998 in der ORF-Sendung „Kunststücke“: „Ich hätte das gerne weg!“ [3]
Kritik kam von TU-Wien-Professor Christian Kühn:
Dass solche Objekte trotzdem unter Denkmalschutz kommen, hat mit einer Tendenz zu tun, die ich das „Arche-Noah-Syndrom“ nennen möchte. Es steht für den Ansatz, unabhängig vom Kunstwert eine ausgewogene, alle Epochen möglichst gleichmäßige abdeckende Sammlung von Objekten aufzubauen. Das Resultat ist ein Freilichtmuseum, in dem auch Objekte, die von einer Umgestaltung massiv profitieren könnten, unverändert bleiben müssen. [2]
Kühn über die Fassadengestaltung:
Die Ecktürme, in denen sich Fluchttreppen und Schächte befinden, sind mit blattförmigen Edelstahlkapitellen abgeschlossen und mit Sichtziegeln verkleidet, die Assoziationen mit Wiener Militärbauten wie der Rossauer Kaserne oder dem Arsenal herstellen sollen. Dazwischen wiederholt sich hundertfach ein Fassadenelement mit einem bunten Aufdruck, der aussieht, als wäre er in einem Volkshochschulkurs zum Thema „Malen mit Klimt“ entstanden. Man merkt, wie sehr die Architekten eine Prise Hundertwasser in ihr Projekt holen wollen, aber nicht aus ihrer Rasterlogik und funktionalistischen Endlosschleife herausfinden. [2]
Inneres: Alles Architektur
Das Gebäude mitsamt seinem Inneren ist als Gesamtkunstwerk konzipiert. Architekt Czernin …
… betonte, dass seine Gestaltungsabsichten alle Teile des Gebäudes betreffen. Die architektonische und die künstlerische Ausstattung sollten das Gebäude aufwerten und die Gesellschaft sowie ihre Werte dokumentieren und repräsentieren. [1]
Interessant sind die vielen Details, die sich erhalten haben. Das Gebäude ist gleichsam eine Zeitkapsel aus den 1980er-Jahren.
Quellen
- [1] Das Oktoneum. Radetzkystraße 2 in 1030 Wien, Bauwerk und Denkmal (Michael Rainer, 2025)
- [2] Denkmalschutz Wien: Das Arche-Noah-Syndrom (Christian Kühn, Die Presse, 3.2.2025)
- [3] „Tintenburg“, Synagoge und Schulruine (ORF, 29.12.2024)
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