Das alte Haus in der Hietzinger Franz-Boos-Gasse ist äußerlich gut erhalten. Trotzdem darf es abgerissen werden. Wieder einmal mit der Begründung angeblicher wirtschaftlicher Abbruchreife. Diese bekannte Lücke im Altbau-Schutz hat schon zu vielen Abrissen geführt.
Dieser Artikel wurde im Jänner 2026 aktualisiert.
Wie Behörden und Politik Häuser nicht schützen
WienSchauen berichtet seit Jahren über gefährdete und abgerissene alte Häuser in Wien. Letztlich sind es, neben dem restriktiven Altbau-Mietrecht, meist zwei Faktoren, die Abrissen den Weg ebnen: Einerseits der Bebauungsplan, der oftmals größere Gebäude anstelle von Altbauten erlaubt. Andererseits das Wiener Baurecht, das Abrisse immer noch nicht effektiv eindämmt. Vereinfacht gesagt: Will die Politik historische Gebäude erhalten, kann sie das auch. Aber will sie es denn überhaupt?
Ein Beispiel unter vielen ist das hübsche Haus in der Franz-Boos-Gasse 3, gelegen nahe der U4-Station Ober St. Veit. Im 2006 beschlossenen Bebauungsplan wurde auf den Erhalt des Gebäudes nicht geachtet: Eine Ortsbild-Schutzzone fehlt und die Höhenwidmung ist nicht exakt an das Bestandsgebäude angepasst. Ein typischer Fall. Die Alternative wäre gewesen: Eine Widmung, die einen maßvollen Dachausbau erlaubt, etwa mittels Gaupen, einen Totalabriss aber verhindert. Zudem wäre eine Schutzzone angezeigt gewesen. Doch dafür ist es jetzt zu spät.
Abriss durch die Hintertür
Eigentlich hätte die 2018 beschlossene Bauordnungsnovelle das Gebäude vor dem Abriss bewahren sollen. Seither können die Behörden Abrisse vor 1945 errichteter Gebäude verhindern, auch wenn sie außerhalb von Schutzzonen stehen. Doch die Novelle erwies sich als zahnlos. Das Abreißen ging weiter – mit der Begründung, die Häuser seien wirtschaftlich unsanierbar, also abbruchreif. 2023 wurde mit einer weiteren Novelle nachgeschärft. Seither wird Abbruchreife viel seltener festgestellt. Die Erkenntnis daraus: Alleine die Änderung von Berechnungsmethode und Begutachtung haben dazu geführt, dass Altbau-Abrisse wegen Abbruchreife deutlich zurückgegangen sind. Sanierungsbedürftig war demnach vor allem das Baurecht selbst.
Bekannt wurden die Fälle von Abbruchreife durch von Georg Prack (Grüne) gestellte Anfragen im Gemeinderat. In den Antworten von Vizebürgermeisterin Kathrin Gaál (SPÖ) finden sich Adressen von Gebäuden, die zum Abriss freigegeben wurden. Während das Ressort die Adressen für 2022 noch anstandslos herausgab, verweigerte man anfangs die Veröffentlichung für die Jahre 2023 und 2024. Nachdem Prack vor Gericht gezogen war, wurden auch diese Daten öffentlich gemacht.
Auffällig ist, dass sich die Adresse Franz-Boos-Gasse 3 in den Anfragebeantwortungen nicht findet. Dennoch bestätigt die Baubehörde, dass es sich um einen Fall von Abbruchreife handelt und dass der Abbruch noch vor der Verschärfung der Wiener Bauordnung genehmigt worden war. Die Genehmigung stamme aus 2022, die Bauordnungsnovelle wurde 2023 beschlossen. Die vom Wohnbauressort herausgegebenen Daten sind demnach unvollständig.
Abbruch
Anfang 2026 erfolgte der Abriss des Gebäudes.
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