Favoriten: Bahn-Gebäude demoliert!

Der 10. Bezirk ist seit Anfang 2020 um zwei historische Gebäude ärmer. Eines davon war ein Verwaltungsgebäude der Bahn. Die über 100 Jahre alten Bauten wurden mit ausdrücklicher Zustimmung der Magistrate abgerissen. Damit ist die Chance vertan, die Altbauten in das Stadtentwicklungsgebiet “Neues Landgut” beim Hauptbahnhof zu integrieren. Nur die historischen Hallen bleiben erhalten, darunter die Gösserhalle.

Die zentrale Frage ist: Warum haben sich die Verantwortlichen bei der Stadt Wien nicht für den Erhalt eingesetzt?

Gründerzeithaus Laxenburger Straße 4 wird abgerissen, 2020, Wien-Favoriten
Laxenburger Straße 4: Das über 100 Jahre alte Verwaltungsgebäude wurde 2020 abgerissen

'Neues Landgut': Altes muss weg

Das riesige Stadtentwicklungsgebiet “Neues Landgut” liegt im nördlichen 10. Bezirk und wird begrenzt durch die breite Bahntrasse und die stark befahrene Laxenburger Straße. Von hier aus sind es nur wenige Schritte zum Hauptbahnhof und zur Fußgängerzone in der Favoritenstraße.

Karte "Neues Landgut", Wien-Favoriten. Abrisse eingezeichnet
"Neues Landgut" an der Laxenburger Straße

Das rund 89.000 Quadratmeter große Areal wurde die längste Zeit von den ÖBB und der Gösser-Brauerei genutzt. Die ältesten Gebäude sind aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Auch in der zweiten Republik wurde noch gebaut, sodass die alten Backsteinbauten lange hinter später errichteten Gebäuden verborgen lagen.

Historische Hallen bleiben erhalten

Die bekanntesten Gebäude am Neuen Landgut sind die Inventarhalle (erbaut um 1850) und die Gösserhalle (erbaut 1902). Obwohl die backsteinernen Industriedenkmäler gut erhalten sind, waren sie noch vor wenigen Jahren zum Abriss vorgesehen.

2009 hatten ÖBB und Stadt Wien einen Architekturwettbewerb für das ganze Gebiet ausgeschrieben. In den Unterlagen ist zu lesen:

Die auf dem Wettbewerbsareal derzeit befindlichen historischen Gebäude werden künftig allesamt einer Neubebauung weichen.

So sah auch das Gewinnerprojekt den Abriss sämtlicher Gebäude vor – einschließlich der historischen Hallen. Doch dazu ist es nicht gekommen.

Inventarhalle am "Neuen Landgut", Laxenburger Straße, Wien-Favoriten, erbaut um 1850
Bleibt erhalten: Inventarhalle (erbaut um 1850)

In den letzten Jahren fanden in der Gösserhalle zahlreiche Events statt, u.a. im Rahmen der Wiener Festwochen (Fotos unten). Als „Little Shabby, Mostly Chic“ wird die Halle noch bis 2022 für Veranstaltungen vermarktet.

Künftig werden am ganzen Areal neue Wohnungen entstehen, darunter ein Gemeindebau. Auch ein neuer Bildungscampus und ein Park sind in Planung. Die historischen Hallen sollen zumindest teilweise als Veranstaltungsorte nutzbar bleiben.

Abgerissen: Altes Backsteingebäude

Weniger erfreulich ist das Schicksal zweier historischer Gebäude an der Laxenburger Straße. Beide lagen direkt neben der Gösserhalle. Und beide wurden trotz gutem Erhaltungszustand Ende Februar 2020 restlos abgerissen.

Dabei ist im aktuellen Leitbild des Stadtentwicklungsgebiets “Neues Landgut” zu lesen:

Grüne Mitte mit Erhaltung der historischen Substanz.

Eines der beiden Gebäude – in einem Dokument als “Doktorhaus” bezeichnet – befand sich direkt neben den historischen Hallen. Entsprechend war es auch in schmucker Backsteinarchitektur gestaltet. Es dürfte etwa um 1900 erbaut worden sein.

Backsteingebäude an der Laxenburger Straße, 2020 abgerissen
Abgerissen: Historisches Gebäude an der Laxenburger Straße (erbaut um 1900?)

Heute erinnert nichts mehr an das kleine Backsteingebäude, wie das Foto unten zeigt.

Gösserhalle, Neues Landgut, nach Abriss eines historischen Backsteingebäudes, 2020
Hier befand sich das nun abgerissene Backsteingebäude (Foto: Februar 2020)

Abgerissen: Gründerzeithaus in der Laxenburger Straße

Das gegenüber dem Columbusplatz gelegene Verwaltungsgebäude der Bahn war ein typisches Haus der späten Gründerzeit. Es war um 1910 erbaut worden und wies bis zuletzt noch die verzierte Fassade und das schmucke originale Dach auf. Sogar in der kunsthistorischen Fachliteratur ist das Gebäude aufgeführt.

Gründerzeithaus Laxenburger Straße 4 vor dem Abriss, Wien-Favoriten
Im Februar 2020 abgerissen: Laxenburger Straße 4 (erbaut um 1910)

Im Gegensatz zu vielen anderen Bahngebäuden hatte es die Bombardierungen des 2. Weltkriegs ohne Schäden überstanden. Bis zuletzt schien das Gebäude in ausgezeichnetem Zustand zu sein. Trotzdem kam im Februar 2020 der Abriss.

Abgerissen: Nachkriegsgebäude

Sie waren wohl weder besonders schön, noch historisch wertvoll – doch auch der Abriss einiger Bahn-Gebäude aus der Nachkriegszeit wirft Fragen auf:

Hätte nicht zumindest das eine äußerlich intakte Gebäude für Wohnen oder Bürozwecke adaptiert werden können (Foto unten)? War die Bausubstanz wirklich so schlecht? Ist es den enormen Ressourcenverbrauch wert, alles einfach abzubrechen und neu zu bauen?

Gewiss sind neue Gebäude im Betrieb wahrscheinlich ökologischer (bessere Dämmung). Doch ist nicht alleine der Abriss und Neubau viel unökologischer als eine Weiternutzung des Bestandsgebäudes? Braucht es in Zeiten des Klimawandels überhaupt noch so eine starke Wärmedämmung? Dabei ist die Frage, was in einigen Jahrzehnten mit dem Dämmmaterial passieren soll (Wechsel? Entsorgung? Weiternutzung?), noch gar nicht angeschnitten.

ÖBB-Gebäude am Neuen Landgut wird abgerissen, Wien, 10. Bezirk
Abgerissen: ÖBB-Gebäude aus der Nachkriegszeit

Magistrat stimmte allen Abrissen zu

Anders als die Nachkriegsbauten fielen die beiden abgerissenen historischen Gebäude durch ihr Baualter unter die erst 2018 verschärfte Bauordnung. Seit der Gesetzesänderung braucht es für den Abriss vor 1945 erbauter Häuser eine Zustimmung der Behörden. Wird ein Gebäude wegen seines äußeren Erscheinungsbildes als erhaltenswert angesehen, wird der Abriss untersagt. Beispielsweise wurde das Haus in der Liechtensteinstraße 100-102 durch das neue Gesetz vor dem Abbruch gerettet.

Doch warum nicht auch in Favoriten? Warum haben die Stadt Wien und die ÖBB die beiden historischen Häuser einfach abgerissen? Hätten die Gebäude nicht einfach umgebaut und neu genutzt werden können?

Eine Anfrage an die Baupolizei ergab, dass die Abbrüche tatsächlich mit Zustimmung der Magistratsabteilung für Architektur (MA 19) erfolgt sind. Es habe “kein öffentliches Interesse an der Erhaltung gegeben.”

Abrisse bereits im Jahr 2017 beantragt

Laut der Baupolizei wurde bereits 2017 um Abbruch angesucht – also vor der oben erwähnten Gesetzesänderung. Zu jener Zeit sah die zuständige Magistratsabteilung 19 nur die historischen Hallen als erhaltenswert an, nicht aber die anderen Gebäude.

Somit wären über zwei Jahre Zeit gewesen, die Abrisspläne noch zu stoppen. Diese Chance wurde nicht genutzt.

Favoriten im Umbruch

Der 10. Bezirk ist im Wandel. Neuer Wohnraum, neue Büroflächen und auch neue Grünanlagen sind in den letzten Jahren geschaffen worden. Allerorten ist die Veränderung zu sehen: Hauptbahnhof, Quartier Belvedere, Sonnwendviertel, Oberlaa – und jetzt auch am Neuen Landgut.

Doch nicht in allen Fällen sind ästhetisch ansprechende Gebäude und schöne öffentliche Räume entstanden. Einige Beispiele:

Reformen nötig!

Entwicklungen wie die oben beschriebenen sind höchst problematisch – aber keineswegs unvermeidlich. Wenn die Stadt Wien möchte, kann sie sofort Reformen einleiten. Hier einige Vorschläge:
  • Mehr Schutzzonen gegen Abrisse: Die Magistrate sollten verpflichtet werden, möglichst umfassende Schutzzonen bei jeder Umwidmung festzulegen. Auch für nach 1945 errichtete Gebäude, sofern sie architektonisch wertvoll sind.
  • Rücksicht auf das historische Umfeld beim Bau neuer Gebäude: Derzeit ist die Gestaltung neuer Gebäude völlig beliebig. Die Stadt macht keine Vorgaben, wodurch schon viele unattraktive Gebäude entstanden sind (siehe “Bestürzende Neubauten“). Das muss sich ändern.
  • Qualitätssicherung bei Neubau-Architektur: Ein reformierter, unabhängiger Gestaltungsbeirat sollte jeden Entwurf prüfen und ggf. adaptieren dürfen, bevor gebaut wird.
  • Kein dunkler Asphalt mehr auf Gehsteigen und Plätzen: Schöne Pflastersteine bzw. helle Platten sollten der neue Standard werden. Das ist ästhetisch ansprechender und viel besser für das Mikroklima im Sommer (weniger Hitze).
  • Verpflichtende Baumpflanzungen bei jedem Umbau im Straßenraum: Regelmäßig müssen Straßenbeläge, Rohre und Leitungen erneuert werden. Wird aufgegraben, ist das auch immer eine Chance, neuen Grünraum zu gewinnen und Bäume zu pflanzen.

Diese Maßnahmen lassen sich mit einfacher Mehrheit im Rathaus beschließen. Es braucht nur den Willen, das auch wirklich umzusetzen. Die Abrisse in Favoriten könnten ein Anlass dazu sein.

Kontakte zu Stadt & Politik

+43 1 4000 10111
 
Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.
Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus. Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im September 2019.
+43 1 4000 81671
 
Der Vizebürgermeisterin und amtsführendenden Stadträtin untersteht die Geschäftsgruppe Stadtentwicklung (siehe unten).
+43 1 4000 81261
 
Zur Geschäftsgruppe Wohnen gehören u.a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im Dezember 2019.)

Quellen und weitere Infos

  • Zur Gösserhalle als Veranstaltungsort siehe www.goesserhalle.at.
  • Das Leitbild des “Neuen Landguts” ist hier zu finden.
  • Das Gebäude Laxenburger Straße 4 wurde um 1910 erbaut. Quelle: Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Wien, X.-XIX. und XXI.-XIII. Bezirk, S. 29
  • Hinweis: Bei Erscheinen des Artikels war noch nicht bekannt, dass bereits 2017 um Abriss angesucht wurde. Demnach dürfte die Verschärfung der Bauordnung (erlassen 2018) nicht gegriffen haben. 

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