Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2020

Das Letzte seiner Art

Die Gründerzeit hat das alte Wien geprägt wie keine andere Epoche. Während in vielen Bezirken ein aufwändiger Historismus-Bau neben dem anderen steht, haben in der Brigittenau vergleichsweise wenige intakte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert bis heute überdauert. Eines dieser noch erhaltenen Gründerzeithäuser steht jetzt womöglich vor dem Abriss.

Gründerzeithaus Dammstraße 33, Wien-Brigittenau (20. Bezirk)
Dammstraße 33 in Wien-Brigittenau: Droht Abriss?

Schwindende Gründerzeit

Anders als die nahe Leopoldstadt hat der 20. Bezirk trotz guter Lage und leistbarer Miet- und Eigentumspreise lange ein Schattendasein geführt. Der alte Arbeiterbezirk ist auch nie wirklich in den Fokus von Denkmal- und Stadtbildschutz gekommen. Schutzzonen, die das gebaute Kulturerbe erhalten können, gibt es nur wenige. Obwohl der Bezirk über 80.000 Einwohner hat, stehen nur 63 Objekte unter Denkmalschutz – meist Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit, die ohnehin nicht gefährdet sind, abgerissen zu werden. Es ist das Schicksal einer Werkbank Wiens, deren historische Zeugnisse nach und nach ohne Aufsehen verschwunden sind. Während sich in der Nähe von Augarten und Wallensteinstraße noch Straßenzüge aus Historismus und Jugendstil finden, hat in anderen Grätzeln über Jahrzehnte hinweg die Abrissbirne regiert. Alleine im Jahr 2017 wurden drei historisch bedeutende Gründerzeithäuser im 20. Bezirk geschleift (Fotos unten). Die Immo-Branche hat die Brigittenau für sich entdeckt.

Dammstraße 33 gefährdet?

Auch die Dammstraße war einst ein typisch gründerzeitliches Wohn- und Industriegebiet. Durch Bombenschäden und Abrisse, sowie die Errichtung großvolumiger Wohnbauten ist die Straße heute fast nicht wiederzuerkennen. Es dominieren Bauten der Nachkriegszeit und des späten 20. Jahrhunderts. Nur das fast 150 Jahre alte Haus in der Dammstraße 33 hat sich bis heute nicht viel verändert (das rechte Haus auf den Fotos unten).

Genau diesem Gebäude könnte jetzt ein schnelles Ende drohen. Seit Wochen prangen die Transparente einer Abbruchfirma auf der Fassade. Das Haus ist zur Gänze leer und von einem Bauzaun umgeben. Steht der Abriss unmittelbar bevor? Zumindest wurde bisher noch kein Ansuchen auf Abbruch gestellt, wie das Ressort von Stadträtin Kathrin Gaál mitteilt. Auch eine Bestätigung der zuständigen Behörden, dass am Erhalt des Hauses kein öffentlich Interesse besteht, liege der Baupolizei nicht vor.

Gründerzeithaus Dammstraße 33, Wien-Brigittenau (20. Bezirk)
Dammstraße 33: Baujahr 1870

Neben dem gefährdeten Gründerzeithaus befand sich noch bis vor kurzem ein niedriges Gebäude, wohl eine Werkstatt oder Garage. Dieses Gebäude, das soweit erkennbar keinen historischen Wert hatte, wurde Ende November 2019 abgerissen (Foto unten). Es könnte also sein, dass sich die Abrissarbeiten auf diesen Teil der Liegenschaft beschränken und das Eckhaus bestehen bleibt.

Pappenheimgasse, Wien-Brigittenau (20. Bezirk)
Das niedrige Gebäude rechts wurde im November 2019 abgerissen.

In jedem Fall hat die Stadt Wien ihren Teil zur Gefährdung des Gebäudes beigetragen: Eine Schutzzone, die den Erhalt sichern könnte, gibt es nicht. Zudem darf auf dem Grundstück so hoch gebaut werden, dass das alte Haus starkem wirtschaftlichen Druck ausgesetzt ist. Würden die maximal erlaubten Bauhöhen denen der alten Häuser auch wirklich entsprechen, wären viele indes abgerissene Altbauten in ganz Wien wahrscheinlich noch erhalten.

Schutz vor Abriss?

Die Gesetzesänderung im Jahr 2018 zum besseren Schutz historischer Gebäude in Wien ist ein Meilenstein und einzigartig unter allen Bundesländern Österreichs. Seither darf jedes vor 1945 errichtete Gebäude nur noch nach erfolgter Prüfung abgebrochen werden. Ist ein Gebäude erhaltenswert, bspw. aufgrund der Bedeutung der Fassade, können die Behörden den Abriss untersagen. So wurde etwa ein Gründerzeithaus in der Liechtensteinstraße vor dem Abbruch gerettet. Trotzdem kommt es nach wie vor zu Abbrüchen erhaltenswerter Bauten, etwa in Simmering. Da weiterhin das Amtsgeheimnis gilt (ein Bundesgesetz in Verfassungsrang), lässt sich oft nicht leicht eruieren, warum im Einzelfall doch abgerissen wurde.

Was wird aus diesen Häusern?

Es ist fast schon zum gewohnten Bild geworden: Ein äußerlich erhaltenswertes Gebäude, guter baulicher Zustand. Plötzlich ist das Haus leer. Eine Abbruchfirma hängt ihre Plakate auf. Teilweise kommt es zu kleineren Abbrucharbeiten. Ob aber überhaupt ein Totalabriss geplant ist oder ob das Gebäude bloß im Inneren umgebaut und saniert wird, bleibt unklar. So geschehen in der Favoritner Gudrunstraße und in der Lienfeldergasse in Ottakring.

Nur durch eine konsequente Ausweitung der Schutzzonen, eine Reform des Denkmalschutzgesetzes und eine Aufstockung des Altstadterhaltungsfonds wird langfristig Ruhe einkehren. Die Wiener Stadtregierung, die Magistrate und die Bundesregierung sind in die Pflicht zu nehmen.

Kontakte zu Stadt & Politik

www.wien.gv.at
post@bv20.wien.gv.at
+43 1 4000 20114

Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.

+43 1 4000 81671
 
Der Vizebürgermeisterin und amtsführendenden Stadträtin untersteht die Geschäftsgruppe Stadtentwicklung (siehe unten).
+43 1 4000 81670
 
Die Geschäftsgruppe Stadtentwicklung ist u.a. zuständig für die Flächenwidmungs- und Bebauungspläne (Innen-Südwest, Nordost), Stadtentwicklung und Stadtplanung und Architektur und Stadtgestaltung (einschließlich der Festsetzung von Schutzzonen gegen Hausabrisse).
+43 1 4000 81261
 
Zur Geschäftsgruppe Wohnen gehören u.a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

Quellen: Die Anzahl der Denkmale ist der Denkmalliste (2019) des Bundesdenkmalamts entnommen.

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