Barcelona baut an einem Netz von verkehrsberuhigten und begrünten Straßen und Plätzen. Eine zum Teil schon fertiggestellte Grünachse ist der Carrer de Girona im dicht bebauten Bezirk Eixample. Auf einer Länge von 750 Metern wurde 2023 eine asphaltierte Autostraße zu einer begrünten und gepflasterten Aufenthaltsfläche umgebaut. Mit Fokus auf Fußgänger und Radfahrer.
Autostraße wird urbane Promenade
Die rund 1,5 Kilometer lange Straße liegt in jenem Teil Barcelonas, der nach den Plänen des Stadtplaners Ildefons Cerdà im 19. Jahrhundert gebaut wurde. Charakteristisch für den Bezirk Eixample sind der strenge Straßenraster und die einheitlich großen Häuserblocks mit einer Seitenlänge von je 113 Metern. Die hohe bauliche Dichte bringt einen Mangel an Grünraum und Aufenthaltsflächen mit sich, nach wie vor dominiert der motorisierte Individualverkehr. Der Bezirk „weist die höchste Luftverschmutzung und Lärmbelastung der Stadt auf und hat mit nur 2 m² Grünfläche pro Einwohner den geringsten Anteil an Grünflächen. Darüber hinaus nehmen Fahrzeuge, die nur 20% der Nutzer ausmachen, 60% des Straßenraums ein.“[5]
Nach einem Plan der Stadtverwaltung soll der Bezirk, wie auch andere Teile Barcelonas, künftig von mehreren grünen Achsen durchzogen werden, kombiniert mit Superbocks. Beim Konzept der Superblocks (katalanisch: „Superilles“) werden mehrere Häuserblocks so zusammengefügt, dass im Inneren Platz für Begrünung, Fußgänger und Radfahrer geschaffen und zugleich der Autoverkehr minimiert wird.
Autostraße wird urbane Promenade
Eine schon abschnittsweise fertiggestellte grüne Achse ist der Carrer de Girona. Die Fotostrecke folgt einem Spaziergang von Norden nach Süden. Details und Hintergründe sind ganz unten im Artikel.
An einigen Stellen wird die Grünachse durch Straßen unterbrochen. Die autofreien bzw. autoreduzierten Flächen sind bis an die Fahrbahn vorgezogen, was durch die ausgeschnittenen Ecken der Häuserblocks viel Gestaltungsfläche eröffnet. Die überwiegend quadratischen Häuserblocks mit den abgeschrägten Ecken sind charakteristisch für Barcelona.
Die schon vorher bestehenden Alleen wurden durch weitere Begrünung und Entsiegelung ergänzt.
An jenen Stellen, wo der Carrer de Girona durch Querstraßen unterbrochen wird, wurde neue Begrünung nahe der Fahrbahn hinzugefügt. Die Zufahrt mit dem Kfz, etwa für Lieferanten und das Einfahren in Garagen, ist weiterhin möglich. Es gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 10 km/h. Dauerhaftes Parken ist nicht zulässig.
Die Oberfläche der grünen Achse ist durchgehend gepflastert. Es gibt eine Vielzahl an Sitzen und Bänken zum konsumfreien Aufenthalt. Auffallend groß dimensioniert sind die Müllsammelbehälter.
Auffällig ist die teils dichte Bepflanzung mit Bäumen und Sträuchern. Zugleich wurde darauf verzichtet, so viel Oberfläche zu entsiegeln, dass für andere Nutzungen kein Platz mehr wäre.
Die grünen Achsen Barcelonas zeichnen sich durch einen belebten öffentlichen Raum aus. Leerstand war beim Besuch im Jahr 2025 nicht zu bemerken. Das Angebot an Läden und Lokalen ist in den verkehrsberuhigten Zonen sehr groß.
An einer Stelle treffen zwei Grünachsen aufeinander (siehe unten). Diese Kreuzung wurde zu einem großen autofreien Platz umgebaut.
Der Vergleich macht sicher:
Weiter Richtung Süden wird dieselbe Gestaltung weitergeführt. Reguläre Parkplätze gibt es auch hier nicht, dafür aber viele Flächen für den Aufenthalt. Das Radfahren ist überall möglich.
Der öffentliche Raum hat sich durch die Umgestaltung grundlegend gewandelt:
Weiter im Süden wird die grüne Achse noch einmal unterbrochen. Auch an dieser Stelle wurde hochwertig gepflastert und begrünt, bei den Grünflächen sind Sitzgelegenheiten aufgestellt.
Die grünen Achsen von Barcelona
Der Carrer de Girona wurde auf einer Länge von 750 Metern und einer Fläche von 16.244 m² umgestaltet. Das ist jener Abschnitt zwischen den beiden großen Boulevards Gran Via und Avinguda de la Diagonal.[3] Der übrige Teil der Straße, wie auch andere Straßen, sollen folgen. Ziel ist die Schaffung langer grüner Achsen, die den ganzen Bezirk durchziehen. Diese …
… ermöglichen die Schaffung neuer bedeutungsvoller Wege, die wichtige öffentliche Räume miteinander verbinden und das Eixample mit den Randbezirken verbinden. An den Schnittpunkten der grünen Achsen entstehen neue „Plätze“, wodurch eine neue Typologie von breiteren, naturbelassenen öffentlichen Räumen für die Bürger entsteht, wo zuvor nur Straßen waren. [1]
Zur Gestaltung der grünen Achsen:
Das neue Design behandelt die Straße als dreidimensionale Umweltinfrastruktur, die sich an die Auswirkungen des Klimawandels anpasst (…) [D]ie durchlässige Oberfläche wird vergrößert und neue Vegetation und Bäume werden gepflanzt. (…) Was die Gehwege betrifft, so wird die charakteristische „Panot“-Pflasterung der Stadt Barcelona im Bereich der Gebäude beibehalten, während im mittleren Teil der Straße und an den trapezförmigen Ecken Granitsteine verlegt werden, wobei die alten Granitpflastersteine wiederverwendet werden, die unter dem abgetragenen Asphalt gefunden wurden (…) Um die Verbindung der geschaffenen Aufenthaltsbereiche zu verstärken, wird außerdem eine Vielzahl von Stadtmobiliar eingeführt, darunter ein Entwurf für große Holzplattformen – Tatamis – für eine informellere und spielerischere Nutzung. [1]
Ziele sind die Schaffung neuer Grünräume und die Reduktion des motorisierten Individualverkehrs:
Insgesamt ist das Design als Ausdruck aktiver Mobilität, grüner, kultureller und ökologischer Infrastruktur konzipiert. Es schafft Räume zum Spazierengehen und Verweilen für Fußgänger und erhöht die Anzahl der Grünflächen in einem Stadtteil, in dem aufgrund der hohen Bebauungsdichte ein starker Mangel daran besteht. (…) Die Straße erhält die Fähigkeit, Regenwasser in ihrem Untergrund in Symbiose mit der bestehenden Vegetation und neuen Pflanzungen zu speichern, wodurch die Biodiversität und die Bereitstellung von Ökosystemleistungen für das zukünftige Netz der grünen Achsen in der Stadt Barcelona verbessert werden. [1]
Ziel ist die Abkehr von der aufs Auto orientierten Straße:
In Bezug auf Barrierefreiheit und Nutzung des öffentlichen Raums bricht das Projekt mit der traditionellen Straßenhierarchie, in der Fahrzeuge Vorrang haben, und gibt stattdessen den Fußgängern wieder Vorrang. Die Beseitigung von Höhenunterschieden durch ein einstufiges Plattformdesign und die Einbeziehung von Stadtmobiliar ermutigen die Menschen, den Raum für Freizeit und soziale Interaktion zurückzugewinnen, anstatt ihn nur als Transitraum zu nutzen. [5]
Grüne Achsen und Superblocks:
Es handelt sich um zwei Modelle zur Verkehrsreduzierung in der Stadt und um Mechanismen, um den Fußgängern das zurückzugeben, was ihnen zusteht und nicht den Autos gehört. Man könnte sagen, dass die grünen Zonen oder „Achsen” ein wesentlicher Bestandteil der inneren Straßen der „Superblocks” sind. Sie haben gemeinsame Merkmale wie Vorrang für Fußgänger, einspurige Straßen, unterbrochener Verkehrsfluss usw. Die Plätze, die aus der Kreuzung dieser beiden grünen Zonen oder „Achsen“ entstehen, sind beiden Modellen gemeinsam. [2]
Ziel der Umgestaltung ist, …
… dass jeder Einwohner des Eixample einen Platz oder einen grünen Knotenpunkt in maximal 200 Metern Entfernung von seinem Wohnort hat. In diesem Mosaik, das auf den Kreuzungen der neuen Grünzentren basiert, die gebaut werden sollen, werden auch neue Nachbarschaftsplätze entstehen, wobei die typischen abgeschrägten Blockecken genutzt werden, um jeweils etwa 2.000 m² zu gewinnen (…) Asphaltierte Flächen, die heute fast ausschließlich dem Verkehr gewidmet sind, werden zu erholsamen Bereichen, in denen Grünflächen, Spielmöglichkeiten, durchlässige Pflasterungen und andere Nutzungen eine wichtige Rolle spielen werden. [3]
Innerhalb weniger Jahre wurden vier grüne Achsen geschaffen:
Im Zeitraum 2020-2023 wurde eine erste Phase der grünen Achsen entwickelt und umgesetzt, die Abschnitte von vier Straßen umfasste: Consell de Cent, Rocafort, Borrell und Girona sowie vier Plätze an ihren Kreuzungen und an der Einmündung der Straße Enric Granados. Gleichzeitig wurden neue Radwege auf den wichtigsten Mobilitätsrouten eingerichtet.
In den neuen grünen Achsen sind die Menschen die Hauptakteure des neuen Straßenmodells. Es wird eine einzige Plattform mit universeller Zugänglichkeit geschaffen, auf der Fahrzeuge Gastakteure sind und Fußgänger immer Vorrang haben, indem sie in der Mitte gehen, was ihre freie Bewegung, transversale Beziehungen zwischen Fassaden und das Entstehen von Aufenthaltsorten mit Stadtmobiliar ermöglicht. (…) Die Straßen haben sich von einem Raum, der nur der Mobilität diente, zu einem Raum des Seins, einem Raum auf menschlicher Ebene, gewandelt. [4]
In einer Studie von 2025 wurde untersucht, inwiefern sich die Maßnahmen zur Begrünung und Verkehrsberuhigung auf das politische Wahlverhalten auswirkten. Die Ergebnisse deuten darauf hin, …
… dass die Verbesserung der öffentlichen Räume und Einrichtungen durch die Maßnahme, wie z. B. mehr Grünflächen und weniger Autoverkehr, von den Wählern allgemein begrüßt wurde. Wichtig ist, dass wir keine Anzeichen dafür finden, dass die Verlagerung des Verkehrs oder andere potenzielle negative externe Effekte zu einer signifikanten Gegenreaktion der Wähler in den von den Maßnahmen betroffenen Gebieten geführt haben. [6]
Der Plan unten stellt den Endausbau dar. Nur ein kleiner Teil der geplanten grünen Achsen wurde bisher (Stand: 2025) errichtet. Der Weiterbau des ambitionierten Projekts hängt letztlich vom entsprechenden politischen Willen ab.
Quellen
- [1] Girona Street Green Axes (Superblocks) in Barcelona
- [2] “Barcelona has begun a path towards the transformation of its urban model, quite late when compared to other cities, but there is no way back now” (Universitat Internacional de Catalunya)
- [3] Towards Superblock Barcelona (Ajuntament de Barcelona, 11.11.2020) – nicht mehr online abrufbar
- [4] The Barcelona Superblocks. Turning city streets into lively, green and healthy areas (Xavier Matilla Ayala, RE:PUBLIC SPACE, 5.9.2025)
- [5] New European Bauhaus Prizes (Europäische Union, 2025)
- [6] The electoral effects of banning cars from the streets: Evidence from Barcelona’s superblocks (2025)
- Foto Carrer del Consell de Cent / Carrer de Girona (2021): rubencarbonero, CC BY-SA 4.0
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