Die Berggasse ist auf einem Abschnitt so breit wie ein Platz. Doch wo ein urbaner Raum mit viel Platz für Fußgänger sein könnte, ist derzeit nur ein Parkplatz. Dabei hätte die Berggasse mit ihren hohen Bäumen und ihrer zentralen Lage die besten Voraussetzungen, um ein beliebter Stadtplatz zu werden.
Relikt unter Bäumen
Die von vielen prachtvollen Gründerzeitbauten geprägte Berggasse liegt im beliebten Servitenviertel und erstreckt sich von der Währinger Straße bis fast zum Donaukanal. Während sie auf ihrem längsten Stück ähnlich breit wie viele andere Straßen im Umfeld ist, wird es zwischen Porzellangasse und Roßauer Lände interessant: Mit bis zu 24 Metern ist die Berggasse hier für eine Straße ohne Durchzugsverkehr oder höherrangige verkehrliche Bedeutung ungewöhnlich breit. So werden aus einer Straße gleichsam zwei, die durch eine Baumreihe in der Mitte voneinander getrennt sind. Mit Fahrbahnen und Parkplätzen auf beiden Seiten ist die Nutzung schnell umschrieben: hier wird vor allem geparkt. Eine größere zusammenhängende Fläche für Fußgänger – also einen Stadtplatz – sucht man vergebens.
Die Flächen für Fußgänger beschränken sich auf die Gehsteige. Links und rechts von der mittigen Baumreihe sind jeweils zwei Parkspuren eingerichtet. Unterbrochen werden die Parkspuren nur von einigen Radbügeln und temporären Schanigärten.
Die hohen Bäume in der Mitte verleihen der Straße eine freundliche Ästhetik und schützen durch ihren Schattenwurf vor sommerlicher Hitze. Beschattet werden in erster Linie parkende Autos und Asphaltflächen.
In vielen Häusern der Berggasse werden die Erdgeschoßzonen aktiv genutzt. So wie in der Servitengasse und der Porzellangasse gibt es zahlreiche Geschäfte und Lokale, sodass auch der öffentliche Raum deutlich belebter wirkt. Das Erdgeschoß als Schnittstelle von privatem Haus und öffentlichem Straßenraum ist eine der Voraussetzungen für das Funktionieren urbaner Straßen und Plätze. Umgekehrt gilt auch: Attraktiv gestaltete öffentliche Räume können sich positiv auf die Erdgeschoßzonen auswirken. Demnach schlummert in der Berggasse ein großes Potenzial.
Viel Straße - wenig Platz
Der breite Abschnitt der Berggasse ist etwa 115 Meter lang und 24 Meter breit. Knapp über 60 % dieser Fläche stehen für den fahrenden und ruhenden Verkehr zur Verfügung. Was am Stadtrand weniger ins Gewicht fiele, kann im dichten urbanen Raum schnell zum Problem werden, denn der Platz fehlt dann für andere Nutzungen. Für die Berechnung der untenstehenden Grafik wurde der hier markierte Ausschnitt herangezogen.
Beim „Spurenzählen“ in der Querschnittsansicht wird deutlich, wie dem Autoverkehr überproportional viel Platz eingeräumt wird: Sechs Spuren stehen vor allem für den fahrenden und parkenden Autoverkehr zur Verfügung, vereinzelt gibt es auch Radbügel.
Die alte Berggasse
Die Berggasse war auch im frühen 20. Jahrhundert kein Platz, sondern schon damals eine Straße. Sie verlängert die breite Porzellangasse bis zur Roßauer Lände. Eine besondere Bedeutung für den Durchzugsverkehr hat die Berggasse heute im Gegensatz zur Porzellangasse nicht. Das macht sie für eine Umgestaltung besonders interessant.
Verstelltes Umfeld
Die auf das Kfz ausgerichtete Flächenverteilung ist kein Spezifikum der Berggasse, sondern entspricht einer in Wien weithin beobachtbaren Normalität. Auch in den angrenzenden Straßen dominieren parkende Fahrzeuge den öffentlichen Raum. Stellenweise gibt es auch Radabstellplätze. Als Bodenbelag fungiert vor allem Asphalt.
Die Berggasse geht weiter
Der breite Abschnitt der Berggasse findet seine Fortsetzung in Richtung Roßauer Lände. Die Baumreihe geht in der Mitte weiter, Fahrbahn und Parkplätze gibt es hier aber nur an einer Seite. Auf der anderen Seite sind ein breiter Gehsteig und ein baulich ausgeführter Radweg. Als Bodenbelag wurde auch hier Asphalt verlegt. Könnte dieser Abschnitt in eine mögliche Umgestaltung der Berggasse miteinbezogen werden?
Wie neugestalten?
Die Berggasse bringt alle Voraussetzungen für einen urbanen Platz mit. Der Mix aus großstädtisch-historischer Bebauung, Bäumen, belebten Erdgeschoßzonen und einer Lage mitten in der dichten Stadt ist für Wien fast einzigartig. Zudem handelt es sich um keine für den Autoverkehr höherrangige Straße. Eine ansprechende Gestaltung samt neuer Verkehrsführung könnte den öffentlichen Raum auf ein neues Niveau heben. Eine Vision für den breiten Abschnitt der Berggasse könnte folgendermaßen aussehen:
- Sperre für den Kfz-Durchzugsverkehr, Erhalt der Zufahrt für Anrainer und Lieferanten etc.
- Fußgängerzone im breiten Abschnitt der Berggasse
- Offenhalten der Querung mit der Hahngasse
- Umstellung der Roßauer Gasse zu einer Straße mit Gegenverkehr; Umwandlung von Schrägparkern in Längsparker; Wendehammer an der Einmündung zur Berggasse (sodass kein Einfahren in die Berggasse möglich ist)
- Entfernung aller Parkplätze im Abschnitt zwischen Porzellangasse und Roßauer Lände
- Schaffung von Anrainerparkplätzen in der Umgebung
- Entfernung des Asphaltbelags und Pflasterung der gesamten Oberfläche mit hellen Steinen
- Entfernung der Randsteine zugunsten einer durchgehenden und niveaugleichen Fläche
- Fortsetzung der mittigen Baumreihe bis zur Roßauer Lände
- Aufstellen von Bänken und Straßenlaternen im Design der Servitengasse
Soll es einmal tatsächlich in Richtung Verkehrsberuhigung und Umbau gehen, muss das Rad nicht neu erfunden werden. Mit der Servitengasse und Grünentorgasse können zwei erst vor kurzem umgebaute Gassen bei der Detailgestaltung herangezogen werden.
Eine Mischung aus Fußgängerzone, kurzer Begegnungszone und Begrünung findet sich in der Zollergasse im 7. Bezirk:
Ein Pendant zum breiten Abschnitt der Berggasse gibt es in der niederländischen Stadt Leiden (Foto unten). Auf dieser Straße im Stadtzentrum stehen ebenfalls Bäume in der Mitte. Fahrzeuge können die Straße zwar befahren, Parkplätze gibt es aber keine. Typisch niederländisch ist die hohe gestalterische Qualität – Pflasterflächen, Straßenlaternen – und der Fokus auf den Rad- und Fußverkehr.
Quellen
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