Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Nordbahnhalle: Gemeinschaft muss weichen

Wien präsentiert sich gern als Kulturmetropole. Wien fördert auch Partizipation und lokale Initiativen. Eine dieser lokalen Kultur- und Gemeinschaftsprojekte ist die Nordbahnhalle im 2. Bezirk. Jetzt fahren die Abrissbagger auf und reißen die Halle nieder. Warum lässt die Stadt das zu?

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Nordbahnhalle und Wasserturm: Die Halle soll weg, der denkmalgeschützte Turm bleibt

Neues Leben in alter Halle

Jahrzehntelang war das riesige Gelände des Nordbahnhofs vor allem dem Güterverkehr vorbehalten. Erst 1994 fiel der Entschluss, den Bahnhof sukzessive abzusiedeln und einen neuen Stadtteil an seiner Stelle zu errichten. Auch mit dem Bau des Güterterminals Inzersdorf (eröffnet 2016) verlagerte sich der Güterverkehr weg von den innerstädtischen Bahnhofsarealen, sodass auch im 2. Bezirk riesige Flächen frei wurden. Das Nordbahnareal ist immerhin halb so groß wie der Bezirk Neubau.

Seit 2014 steht fest, wie der zentrale Teil des Stadtentwicklungsgebiets aussehen wird: Ein grüne “freie Mitte”, um die herum sich Wohnbauten, teils auch Hochhäuser gruppieren.

Hier kommt die Nordbahnhalle ins Spiel: Sie ist ein Überbleibsel des Güterbahnhofs und befindet sich genau in dieser “freien Mitte”. Aus dieser prominenten Lage heraus startete unter Leitung der TU Wien ein Projekt zur Zwischennutzung der alten Halle. Ausstellungen wurden organisiert, kulturelle Events und Konzerte veranstaltet. Innerhalb von nur zwei Jahren nahmen rund 200.000 Besucher an über 500 Veranstaltungen teil.

Doch ein langfristiger Erhalt der Halle war nie Teil des Plans. Nur der denkmalgeschützte Wasserturm aus dem Jahr 1860 (Foto unten) hat seinen Fixplatz im neuen Stadtviertel.

Vom Provisorium zum Grätzlzentrum

Die Zwischennutzung ist 2019 abgelaufen, die Halle an den Eigentümer – die ÖBB – zurückgegeben. Doch in den zwei Jahren hatte sich etwas entwickelt, womit niemand gerechnet hätte: Eine Gemeinschaft aus Anwohnern, Stadtplanern, Künstlern und Besuchern ist entstanden. Und diese Gemeinschaft – die IG Nordbahnhalle – kämpft jetzt für den Erhalt der Halle und will daraus ein Grätzlzentrum für den neuen Stadtteil schaffen. Neben Anrainern sprechen sich auch zahlreiche Unterstützer aus Stadtplanung, Architektur, Kunst und Kultur gegen den Abbruch des Zentrums aus. Fast 4000 Personen haben bereits online unterzeichnet.

„Für neu zu entwickelnde Stadtgebiete sind bestehende Orte und Einrichtungen, die städtisches und kulturelles Leben generieren (…) eine äußerst wertvolle Ressource.“  — Erich Raith, Architekt, TU Wien

„Es ist ein Raum, der fast nichts verlangt, aber umso mehr gibt. Sollte diese gelebte Qualität wirklich beseitigt werden, wäre die ganze Stadt um einen wahrhaft öffentlichen Raum ärmer.“ — Peter Leeb, Architekt und Aktivist bei FRISCH (Freiraum Initiative Schmelz)

Widerstand gegen Abriss

Die IG Nordbahnhalle hat sich mit einer Petition und einem offenen Brief an die Stadtregierung gewandt. So soll ein “gemeinwohlorientiertes Modellprojekt für Nachbarschaft, Kultur und Soziales” entstehen. Ziel ist die langfristige, nicht-kommerzielle Nutzung von Halle und Wasserturm. Eine zivigesellschaftliche, gemeinschaftliche Trägerstruktur soll dazu geschaffen werden.

Halle nicht im Bebauungsplan!

Was wo und wie hoch gebaut werden darf, legt in Wien der Bebauungsplan fest. Dieser Bebauungsplan wird derzeit überarbeitet. Geht es nach dem jetzt vorliegenden Entwurf, ist die Halle bald Geschichte. Weder findet sich dort eine Schutzzone, die den Abriss verhindern könnte, noch ist die Halle überhaupt entsprechend eingezeichnet. Eine typische “Abrisswidmung”.

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Entwurf des neuen Flächenwidmungs- und Bebauungsplans

Abriss hat begonnen

Die Initiative will zumindest einen Teil der Halle erhalten, doch könnte es fast schon zu spät sein: Das vordere Gebäude ist vor kurzem abgerissen worden (Fotos unten). Der Platz wird für Straßenbahngleise gebraucht. Ob auch der hintere Teil der Halle folgt, in ungewiss. Verhandlungen zwischen Bezirk und ÖBB laufen.

Unterstützung bekommen die Aktivisten der IG Nordbahnhalle von Bezirksvorsteherin Uschi Lichtenegger (Grüne). Doch wird das genügen, um den Eigentümer ÖBB – ein Unternehmen in Staatsbesitz – zum Umdenken zu bewegen?

Stadtregierung für Totalabriss

Immerhin hat sich das Büro von Planungsstadträtin und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein (Grüne) gegen den langfristigen Erhalt der Halle ausgesprochen. Man halte Grünraum für wichtiger.

Jedoch nimmt die Halle, einschließlich des nun abgerissenen Teils, bloß etwa 3% der geplanten Freifläche am gesamten Nordbahnhofgelände ein. Werden Grünflächen und Bäume nicht anderswo viel dringender gebraucht, beispielsweise in dichtbebauten und von Hitze geplagten Gründerzeitvierteln?

Ob die Stadtregierung ihre Meinung noch ändert? Und könnten nicht zumindest die ÖBB Milde walten lassen und die weiteren Abrisspläne noch einmal überdenken? Zumindest wäre die Nordbahnhalle nicht das erste Provisorium, das geblieben ist: Das Wiener Riesenrad war ursprünglich nur für eine Saison errichtet worden und hätte danach abgebrochen werden sollen. Doch es kam anders. Und so dreht es sich nach über 120 Jahren immer noch.

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Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus.
 
(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im September 2019.)
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